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Digitale Souveränität – warum sie uns alle betrifft

Der Begriff „digitale Souveränität“ ist aktuell in aller Munde – und das nicht ohne Grund. Spätestens seit dem Vorfall rund um den Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, dessen Microsoft-E-Mail-Konto politisch motiviert blockiert wurde mit der Folge, dass die Arbeit des Gerichtshofs zeitweise nahezu lahmgelegt wurde.
Damit ist deutlich geworden, wie real und unmittelbar digitale Abhängigkeiten heute wirken können. (zu lesen hier: https://www.heise.de/news/Strafgerichtshof-Microsofts-E-Mail-Sperre-als-Weckruf-fuer-digitale-Souveraenitaet-10387368.html)

Das Problem ist nicht neu – nur sichtbarer geworden

Dabei war schon lange vor diesem konkreten Fall klar, dass Daten, die innerhalb der Systeme großer US-Tech-Konzerne liegen, nicht vollständig vor dem Zugriff der US-Regierung geschützt sind. Spätestens mit dem US CLOUD Act ist rechtlich verankert, dass Daten von Nicht-Amerikaner:innen unter bestimmten Umständen ohne richterliche Anordnungeingesehen werden dürfen – sofern die Kommunikation über US-Dienste läuft.
(zu lesen hier: https://www.heise.de/hintergrund/Wie-der-US-CLOUD-Act-das-europaeische-Datenschutzdilemma-verschaerft-10518058.html?seite=all) Das bedeutet: Selbst wenn Server physisch in Europa stehen, sind die dort gespeicherten Daten im Zweifel nicht vor US-Zugriff geschützt, solange der Anbieter dem US-Recht unterliegt.

Behörden und Unternehmen beginnen umzudenken

Diese Erkenntnis führt inzwischen auch auf institutioneller Ebene zu einem Umdenken. Immer mehr Behörden und Organisationen erkennen, dass diese Form der Abhängigkeit schnell geschäftskritisch werden kann. Ein Beispiel ist die Landesregierung von Sachsen-Anhalt, die sich zunehmend mit Open-Source-Alternativen beschäftigt.
(zu lesen hier: https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/digital-leben-open-source-fans-sachsen-anhalt100.html) Was früher als „nice to have“ galt, wird heute zur Frage der Handlungsfähigkeit.

Foto von Kelly Sikkema auf  Unsplash

Warum digitale Souveränität auch für dich persönlich sinnvoll ist

Digitale Souveränität ist kein abstraktes politisches Thema – sie betrifft dich ganz konkret. Ein zentrales Stichwort hier ist Diversifizierung. Genau wie in anderen Bereichen sorgt sie für Ausfallsicherheit.

Ein Szenario mag heute unwahrscheinlich erscheinen, ist aber nicht unmöglich: Sollte es zu einem ernsthaften geopolitischen Konflikt kommen, könnten US-Dienste gezwungen sein, bestimmte Services – etwa Microsoft Word oder andere zentrale Werkzeuge – abzuschalten. Wer sich frühzeitig Alternativen aufgebaut hat, ist darauf vorbereitet.

Noch wahrscheinlicher sind allerdings andere Situationen:

  • Bei der Einreise in die USA können Social-Media-Accounts gescannt werden, um festzustellen, ob jemand als potenzielle Gefahr eingestuft wird.
  • Wenn du politisch aktiv bist und hauptsächlich mit US-Diensten arbeitest, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass deine Accounts gesperrt oder eingeschränkt werden.
  • Plattformen entscheiden oft automatisiert – und nicht immer nachvollziehbar.

Und nicht zuletzt: Du kannst Geld sparen, wenn du kostenpflichtige Software durch Open-Source-Alternativen ersetzt. Was nicht zuletzt dabei hilft, diese Open Source Alternativen zu fördern und das Angebot breiter zu machen.

Die große Frage: Wie fängt man an?

Viele Dienste sind tief in unseren Alltag eingebettet – besonders bei Messengern und sozialen Netzwerken, wo die sogenannte „kritische Masse“ entscheidend ist. Man kann Menschen außerhalb dieser Plattformen oft kaum erreichen. Ein kompletter Umstieg von heute auf morgen ist daher unrealistisch. 

Deshalb ist der wichtigste, erste Schritt: Perfektionsansprüche loslassen. Vollständige digitale Autarkie ist aktuell kaum erreichbar – und auch nicht notwendig. Gerade Kommunikationsdienste leben von der Anzahl ihrer Nutzer:innen.

Der bessere Ansatz: klein anfangen und Momentum aufbauen.

1. Standardsuchmaschine ändern – und diversifizieren

Ändere die Default-Suchmaschine in deinen Browsern von Google oder Bing zu Alternativen wie:

  • Ecosia
  • DuckDuckGo
  • Qwant
  • oder einer anderen Suchmaschine deiner Wahl

Wichtig:
Mach das in jedem Browser, den du nutzt – und idealerweise nutzt jeder Browser eine andere Suchmaschine. Das gilt auch für Smartphone, Tablet und Arbeitsrechner. Hier Blogartikel, den ich zu dem Thema verfasst habe: Bring Ordnung in dein wichtigstes Programm auf dem Rechner

Vorteile:

  • Du gewöhnst dich an unterschiedliche Suchergebnisse.
  • Es wird schwieriger, ein umfassendes Suchprofil über dich zu erstellen.
  • Du verlässt automatisch die Google-Bubble.

2. Browser diversifizieren

Viele Menschen nutzen ausschließlich den Systembrowser (Safari oder Edge) und vielleicht noch Chrome. Das ist problematisch, weil diese Browser oft über mehrere Geräte hinweg mit deinem Konto verknüpft sind – und im Fall von Chrome explizit für Tracking optimiert wurden ( zu lesen hier: https://www.eff.org/deeplinks/2024/08/google-breaks-promise-block-third-party-cookies) Sinnvoll ist es, Browser gezielt für unterschiedliche Aufgaben einzusetzen.
Mindestens solltest du dir zusätzlich Firefox installieren, um eine echte Alternative abseits von Systembrowsern und Chrome zu haben – insbesondere für Aktivitäten, bei denen dir Privatsphäre wichtig ist.

3. Mailclient wechseln

Auf mobilen Geräten ist das oft etwas schwieriger, da die Systemintegration besser ist. Auf einem Laptop oder Desktop-Rechner ergibt ein Wechsel jedoch sehr viel Sinn.

Statt Outlook oder dem Mail-Client von macOS kannst du auf Thunderbird umsteigen. Thunderbird wird von der Firefox-Foundation entwickelt und bietet:

  • integrierte RSS-Feeds
  • Unterstützung verschiedener Chat-Protokolle
  • Verschlüsselungsfunktionen

Damit ist Thunderbird eine solide und leistungsfähige Alternative zu proprietären Mailclients.

Foto von  Justin Morgan auf Unsplash

4. E-Mail-Accounts diversifizieren (oder eigene Domain nutzen)

Ich plädiere nicht grundsätzlich dafür, Google Mail oder andere große Anbieter sofort zu verlassen. Stattdessen empfehle ich – ähnlich wie bei Browsern – eine Diversifizierung von E-Mail-Accounts für unterschiedliche Zwecke.

Wenn du allerdings nur einen einzigen Account verwalten möchtest oder kannst, dann lohnt sich die Investition in eine eigene Maildomain. Das kostet in der Regel weniger als 10 € im Monat und gibt dir deutlich mehr Kontrolle über:

  • Verschlüsselung
  • Archivierung
  • Anbieterwechsel

Alternativ kannst du auch zu datenschutzfreundlichen Anbietern wie Proton oder Tuta wechseln.
Meiner Meinung nach ist eine eigene Domain langfristig die bessere Lösung – sie kostet kaum mehr, bietet aber mehr Flexibilität, wirkt professioneller und: Niemand nimmt dir deine Adresse weg, falls du irgendwann reich und berühmt wirst 😉.

5. Messenger: Schrittweise zu Signal wechseln

Der Umstieg von WhatsApp, Telegram oder gar Facebook Messenger (🙈) zu Signal ist ein weiterer wichtiger Schritt. Signal bietet:

  • echte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung
  • einen deutlich besseren Umgang mit Metadaten

Die Schwierigkeit liegt hier im Netzwerk: Oft sind dort (noch) weniger Kontakte aktiv. Deshalb ist ein schrittweiser Ausstieg sinnvoll:

  • Antworte in anderen Messengern nur noch ein- oder zweimal täglich.
  • Weisen deine Kontakte aktiv darauf hin, dass du bei Signal besser erreichbar bist.
  • Reduziere nach und nach die Nutzung anderer Messenger.
  • Lösche die Dienste schließlich ganz.

6. Social Media reduzieren – oder Alternativen nutzen

Ein kompletter Ausstieg aus Social Media ist sinnvoll, aber nicht für jede:n realistisch. In einem anderen Artikel Wie löscht du deinen Social Media Account richtig? Ein Leitfaden habe ich ausführlich Hintergründe und Pro-Argumente für eine starke Reduktion beschrieben.

Wenn du weiterhin soziale Netzwerke nutzen möchtest, gibt es weniger toxische Alternativen wie:

  • Bluesky
  • Mastodon

Diese können eine gangbare Alternative sein, um sich zu vernetzen, ohne sich vollständig den bekannten Plattformen auszuliefern.

7. Textverarbeitung: raus aus dem Microsoft- und Google-Kosmos

Für die private Nutzung – wo tiefe Integration in Unternehmens-Tools keine große Rolle spielt – sind LibreOffice oder der Online-Dienst Collabora hervorragende Alternativen.

Vorteile:

  • klare monetäre Ersparnis
  • fast gleicher Funktionsumfang
  • Unterstützung offener Standards
  • deutlich weniger Datenschutzbedenken

Damit unterstützt du offene Software und machst dich unabhängiger von großen Plattformanbietern.

8. Der größere Schritt: Betriebssystem wechseln

Etwas anspruchsvoller, aber sehr wirkungsvoll ist der Umstieg deines Laptops oder PCs auf ein offenes Betriebssystem wie:

  • Fedora
  • Ubuntu
  • Debian

Allein dieser Schritt reduziert deine Abhängigkeit massiv – selbst wenn du weiterhin einzelne proprietäre Dienste nutzt.Wenn du das geschafft hast, bist du bereits sehr weit. Schwierige Themen wie das Betriebssystem mobiler Geräte kannst du später angehen. Meiner Meinung nach ist es oft sinnvoller, die Nutzung mobiler Geräte stärker einzuschränken, statt tief in deren Betriebssysteme einzugreifen (siehe Artikel, Wie du dein Smartphone zu deinem persönlichen schweizer Taschenmesser machst – Teil 1).

Inspiration: Der „Digital Independence Day“ des CCC

Inspiriert zu diesem Artikel hat mich ein Projekt des Chaos Computer Clubs: der Digital Independence Day https://di.day/category/rezepte/

Dort finden sich konkrete Alternativen zu bekannten digitalen Diensten und Schritt-für-Schritt-Anleitungen, ebenso wie Informationen zu Workshops vor Ort, um sich mit anderen Interessierten und Expert:innen zum Thema auszutauschen.

Ein großartiger Einstieg für alle, die nicht alleine anfangen wollen!

Checkliste

  1. Ändere deine Standardsuchmaschine auf eine Alternative wie DuckDuckGo, Ecosia oder Qwant und nutze möglichst unterschiedliche Suchmaschinen in verschiedenen Browsern
  2. Installiere mindestens einen zusätzlichen Browser zu deinem Standardbrowser (z. B. Firefox) und nutze Browser gezielt für unterschiedliche Zwecke.
  3. Wechsle auf einen unabhängigen Mailclient wie Thunderbird, statt ausschließlich system- oder anbietergebundene Clients zu verwenden.
  4. Diversifiziere deine E-Mail-Adressen oder nutze eine eigene Domain, um langfristig unabhängig vom Anbieter zu bleiben.
  5. Beginne schrittweise mit dem Wechsel zu Signal, indem du andere Messenger nur noch eingeschränkt nutzt.
  6. Reduziere deine Nutzung großer Social-Media-Plattformen oder probiere Alternativen wie Mastodon oder Bluesky aus.
  7. Ersetze schrittweise proprietäre Software durch Open-Source-Alternativen.